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Der Lichtsinn

augenloser Tiere (Eine biologische Studie)

Sehen ohne Augen

M. H. „Sehen ohne Augen" ist ein Paradoxon. „Sehen" und „Auge" sind zwei Begriffe, die in so enger Beziehung zu einander stehen , dass man fast sagen möchte, man brauche den einen zur Definition des anderen. Zweifellos ist, dass ein Auge, das nicht zum Sehen gebraucht werden kann , wert- und zwecklos ist. Es kommt daher ein solches auch nur als pathologisches Vorkommnis oder als in Rückbildung begriffenes Organ zur Beobachtung. Doch pflegt man es dann immer noch ein „Auge" zu nennen. Kann man nun andererseits von der Funktion des Sehens bei einem Geschöpfe reden , welches der Augen ermangelt? Einzelne Autoren haben es behauptet, andere aufs entschiedenste bestritten. Ausser Diskussion steht heutzutage die Frage, ob der Mensch mittelst anderer Teile als der Augen sehen könne. Siehe dazu: "Das menschliche Auge als optisches System". Es war nicht immer so. Nicht umsonst hat in seinem berühmten Handbuche der Physiologie) Johannes Müller drei Seiten dieser Frage gewidmet. Damals, wie heute noch, tauchten von Zeit zu Zeit Personen auf, die, von einem wundertätigen Geiste beseelt, neben allerhand sonstigen verblüffenden Dingen auch das Kunststück fertig brachten, bei fest geschlossenen Augen einen Brief zu lesen, bloss dadurch, dass sie denselben auf die Haut ihrer Stirne, ihrer Herzgrube, oder welchen Körperteil sie nun bevorzugen mochten, auflegten. War nun auch manches von dem , was jene Somnambulen in ihrem schlafartigen Zustande der staunenden und gläubigen Menge zu sehen gaben, natürlich und nicht von ihrem Willen abhängig — Erscheinungen, die wir jetzt zum Gebiete der Hypnose zählen — jenes Brieflesen mit der Haut war Betrug. Als die Wissenschaft sich längst auf diesen von J. Müller mit Entschiedenheit vertretenen Standpunkt gestellt hatte, untersuchte man noch, ob, wenn auch das distinkte Sehen geformter Bilder, wie der Buchstaben, mittelst der Haut undenkbar war, die Haut nicht wenigstens die Fähigkeit besitze, hell und dunkel zu unterscheiden, ob sie also nicht vielleicht Sitz eines, wenn auch noch so schwach entwickelten Lichtsinnes sei. Namentlich dachte man daran, dass bei Blinden, deren Hautsinne bekanntlich in vikariierendem Eintreten für das fehlende .Sehvermögen eine hochgradige Verfeinerung zeigen können, Lichtperception durch die Haut stattfinden möchte. Das Resultat war negativ. Die Blinden empfanden wohl das Wärmende im Lichtstrahl, nicht aber die Helligkeit. Am Sehen ohne Augen blieb, so weit es den Menschen betraf, auch nicht ein Körnchen Wahres. Aber J. Müller war schon weiter gegangen. Die Widerlegung der Märchen vom Hautsehen der Somnambulen war ihm nur ein Glied in der Beweisführung dafür, dass alle die Angaben, die schon zu seiner Zeit über Sehvermögen augenloser Tiere vorlagen, irrtümlich seien und in der Verkennung eines wichtigen physiologischen Grundgesetzes, dem zuerst von Müller zur allgemeinen Anerkennung gebrachten Gesetze von den spezifischen Sinnesenergien ihren Grund haben sollten. Seit Joh. Müllers Zeiten sind unsere Kenntnisse hinsichtlich des hier behandelten Gegenstandes sowohl durch vergleichend anatomische, wie durch experimentellphysiologische Beobachtungen derart bereichert worden, dass es sich wohl lohnt, den Gegenstand einmal zusammenfassend zu betrachten und namentlich zu überlegen, ob das „Sehen ohne Augen" noch immer etwas nach physiologischen Begriffen so ganz unmögliches und unbedingt zu verwerfendes sei. Was ist denn eigentlich der Grund dafür, dass uns „Sehen ohne Augen" als etwas so fremdartiges, um nicht zu sagen unwahrscheinliches erscheint?*) Ist es nur deshalb, weil wir wissen, dass der Mensch ohne Augen, durch die blosse Empfindlichkeit seiner Haut nicht zu sehen vermag und es darum fraglich erscheinen kann, ob Tieren eine derartige Fähigkeit zugeschrieben werden könne? Oder liegt im Begriffe „Sehen" etwas, was die Nervenendapparate in der Haut der Tiere ein für allemal ungeeignet zur Ausübung jener Funktion erscheinen lässt? Die letztere Anschauung, deren Konsequenz es ist, dass es keine Geschöpfe geben kann , die ohne Augen sehen, ist wiederholt ausgesprochen worden , und mit ihr werden wir uns im folgenden auseinanderzusetzen haben. Es fragt sich zu allererst: was ist denn „Sehen", und was sind denn „Augen"? Es ist das keineswegs so leicht zu beantworten , wie man auf den ersten Blick wohl denken möchte , da es doch Begriffe sind , die wir tagtäglich gebrauchen. Gerade dies ist nämlich der Umstand, auf dem die Schwierigkeit der Definition jener Begriffe beruht. Der vorliegende Fall ist zugleich ein typisches Beispiel für eine gewisse Gattung von Schwierigkeiten, denen die vergleichende Anatomie und Physiologie allerorts begegnet und die sie sich selbst zu schaffen oft gezwungen ist, Schwierigkeiten nämlich, die dadurch entstehen, dass der vergleichende Anatom die Organe und Funktionen der Tiere mit Namen benennt, die der Anatomie und Physiologie eines anderen Wesens, des Menschen , entlehnt sind. Das geht nun solange wohl an, als es sich um Tiere handelt, die in ihrer Organisation dem Menschen einigermassen nahe stehen, wie die Affen und allenfalls noch die anderen Säugetiere, wo die Verhältnisse in mannigfacher Hinsicht sehr wohl vergleichbar und ähnlich sind. Nun vergleicht man aber wieder die Organe und Funktionen dieser Tiere mit denjenigen von Tieren einer niedrigeren Stufe und benennt sie nach Möglichkeit immer noch mit gleichem Namen. So fährt man fort, durch die ganze Tierreihe hinab, indem dabei naturgemäss, wie bei jeder Vergleichung, von den charakteristischen Merkmalen und Eigenschaften eines Organes oder einer Funktion jedesmal etwas nachgelassen, der Begriff also erweitert und verallgemeinert wird. Die Endglieder einer solchen, durch die vergleichende Methode entstehenden Reihe pflegen dann nur noch die vagsten Vergleichspunkte zu zeigen, gleichwohl aber einen und denselben Namen zu führen. So haben wir die Augen des Blutegels und niederer Würmer neben denen des Menschen, die „Leber" der Krebse, die „Speicheldrüsen" der Insekten neben den entsprechenden Organen des Menschen, das „Gehirn" der Schnecken, Fische u. s. f. Die Beispiele Messen sich beliebig häufen. — Es soll dies in keiner Weise ein Vorwurf für die Methode der vergleichenden Anatomie sein, ist doch der angegebene Weg der einzige, der bleibt, wenn man eine zu endloser Verwirrung führende Neubildung von Namen für die Organe aller verschiedenen Tierfamilien vermeiden will. Der Grund, warum ich diesen Gegenstand hier überhaupt berühre, liegt am Tage: der Begriff „Auge" ist gerade ein klassisches Beispiel dafür, wieviel von den Eigenschaften, die einem Organe als wichtig zugeschrieben werden können, unter Umständen von der vergleichenden Anatomie aus der Reihe der notwendigen Merkmale gestrichen werden, unter Beibehaltung des Namens jenes Organes. Ich werde unten noch Gelegenheit haben, zu zeigen , wie sehr der Begriff des Auges in der vergleichenden Betrachtung verschwimmt und gleichsam unter der Hand zerfliesst.

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