Sehen ohne Augen / Seite 2
Noch grösser aber ist die Unsicherheit der Definition für den Begriff Sehen. Lässt sich wissenschaftlichen Begriffen, wie Gehirn, Leber etc., noch allenfalls eine wissenschaftlich brauchbare Definition aufzwingen , so ist das mit Worten, die uns das tägliche Leben alle Augenblicke, noch dazu in verschiedenen Bedeutungen , benutzen lässt, fast unmöglich geworden. Was er unter Sehen zu verstehen hat, glaubt jeder genau zu wissen; sieht man aber zu, ob sich der Begriff zu einer wissenschaftlich brauchbaren Definition gestalten lässt, so sieht es damit schlimm aus. Der Begriff wird tatsächlich erstens sehr unbestimmt gefasst und zweitens werden ihm von dem Einen Eigenschaften beigelegt, die von Anderen als unwesentlich bezeichnet werden). Die hauptsächlichste Alternative ist die, ob man schon die blosse Unterscheidungsfähigkeit für hell und dunkel als Sehvermögen bezeichnen soll, oder ob dazu nötig ist, dass die Formen der Objekte unterschieden werden können. Ersterenfalls würde schon ein einfaches, lichtempfindliches Sinnesepithelium ohne weitere Hilfsapparate als Sehwerkzeug funktionieren können, letzterenfalls müsste, wie leicht ersichtlich, das lichtpercipierende Sinnesepithel mit einem dioptrischen Apparate kombiniert sein, der es bewirkte, dass räumlich getrennte Punkte sich auf dem Sinnesepithel auch räumlich getrennt abbilden und somit ihren durch die Lichtwellen vermittelten Eindruck in verschiedenen percipierenden Nervenelementen zur Geltung kommen lassen. Beide Anschauungen finden sich in der Litteratur wiederholt vertreten. Es ist nicht meine Absicht, hier für eine der beiden Ansichten entscheidende Beweise zu liefern , ich halte das überhaupt für unmöglich. Unscharfe Begriffsbildung ist, wie ich schon oben erwähnte, ein Fehler, den die vergleichende Anatomie und Physiologie in vielen Fällen nicht vermeiden kann. Wie der morphologische Begriff der tierischen Art sich nicht in den Rahmen einer streng gültigen und bis ins Einzelne gehenden Definition zwängen lässt, ebensowenig lassen sich viele physiologische Begriffe so definieren, dass sie auf das gesammte Tierreich passen und doch noch genügend präzise gefasst sind, um von der betreffenden Funktion sowohl in ihrem Vorkommen bei höheren, wie bei niederen Tieren die wesentlichen Merkmale zu umfassen. Das Sehen des Menschen ist etwas anderes als das Sehen des Blutegels, in seine Definition gehören Merkmale, die bei jenem nicht zutreffen. Das hindert nicht, beide Arten von Sinnestätigkeit mit dem gleichen Namen zu benennen. Das Sehen hat sich entwickelt, wie sich die Tierwelt überhaupt entwickelt hat, vom Einfachen zum Komplizierten. Einige Einzelheiten aus diesem Entwicklungsgange werden uns im folgenden beschäftigen. Wenn ich dabei auf den Versuch einer präzisen Definition des Begriffes Sehen verzichten und die Schwierigkeit dieser Begriffsbildung nur konstatieren muss, ohne sie in allgemein gültiger Weise lösen zu wollen, so können wir doch andererseits gewisse Kriterien allgemeiner Art dafür aufstellen, in welchen Fällen man eine Reaktion eines Tieres auf eine Lichtwirkung als Sehen sicher bezeichnen kann und in welchen nicht. Auch über das Mindestmass von Leistung, welches wir von einem lichtempfindlichen Sinnesorgane verlangen müssen, um es unbedingt ein Sehorgan zu nennen, können wir wenigstens einiges aussagen. Auf diese Punkte werde ich unten an geeigneter Stelle zurückkommen. Es wird nun weiterhin von Wichtigkeit sein, festzustellen, ob man denn darüber, was man ein Auge nennen soll, genügend klar ist, um in den später zu besprechenden Fällen, wo man von „Sehen ohne Augen" redet, bestimmt versichern zu können, dass hier Augen nicht vorhanden sind. Da zeigt sich denn die erfreuliche Tatsache, dass von Sinnesorganen, deren Bau man genau kennt, nur ganz vereinzelte Anlass zu dem Zweifel geben können, ob man sie wohl Augen nennen sollte. Speziell bezüglich derjenigen Tiere, von welchen hier die Rede sein wird, darf es als vollkommen sichergestellt gelten, dass sie kein Sinnesorgan besitzen, das auch nur im entferntesten Anspruch auf die Bezeichnung- eines Auges machen dürfte. Man hat wohl früher bei einzelnen derselben, z. B. bei gewissen Muscheln, Augen beschrieben, offenbar unter dem Eindruck der hochgradigen Lichtempfindlichkeit dieser Tiere, die man sich nicht ohne die Gegenwart von Augen möglich denken konnte. Neuere Untersuchungen aber haben gezeigt, dass diese sogenannten Augen, wie sie z. B. Will bei vielen Muschelarten beschrieben hat, in Wahrheit gar nicht existieren, sondern auf groben, kaum begreiflichen Täuschungen beruhen.
Was gehört denn zu einem Auge? Welche Merkmale lassen es die Morphologen der neueren Zeit so übereinstimmend beurteilen, ob ein Sinnesorgan ein Auge ist? Vergleichen wir zur Beantwortung dieser Frage einmal die Augen einiger Tiere miteinander, und wir werden sehen, was als gemeinsames übrig bleibt. Am bekanntesten ist der Bau des Sehorganes der höheren Wirbeltiere und des Menschen. (Die Betrachtung des menschlichen Auges erstreckt sich auf das Auge ohne die Behandlung durch eine Augenkorrektur). Dasselbe ist paarig angelegt, in zwei Höhlungen des Schädels liegen die annähernd kugelförmigen Augäpfel, durch Lider geschützt und durch Muskeln beweglich. Der Augapfel ist aus mehreren conzentrisch übereinanderliegenden Häuten gebildet, deren innerste die zum Sehen wichtigste ist, die Nervenhaut oder Netzhaut. Sie enthält, mosaikartig angeordnet, die eigentlichen lichtempfindenden Elemente, die Stäbchen und Zapfen , welche durch die Fasern des Sehnerven mit dem Sehcentrum im Gehirn in Verbindung stehen. Eine bikonvexe Linse, die halbkugelig gekrümmte, durchsichtige Hornhaut und der Glaskörper im Inneren des Auges wirken zusammen , um das einfallende Licht zu sammeln , zu brechen und nach physikalischen Gesetzen auf der Netzhaut ein verkleinertes umgekehrtes Bild der vor dem Auge befindlichen Gegenstände zu erzeugen. Ein ringförmiges Diaphragma von veränderlichem Durchmesser reguliert die einfallende Lichtmenge, Muskeln im Innern des Auges verändern die Krümmung der Linse je nach Bedarf, so dass nahe und ferne Objekte sich gleichscharf auf der Netzhaut abbilden können.
Diese Beschreibung passt in der Hauptsache auf die Augen der meisten Wirbeltiere, ja in den wesentlichsten Punkten auch noch auf diejenigen mancher Wirbellosen, z. B. einzelner Tintenfische. Nehmen wir aber einmal die Augen eines Krebses oder Insektes: fast in keinem einzigen Punkte ist es dem Wirbeltierauge ähnlich. Keine Linse, kein Glaskörper, keine Muskeln , kein Diaphragma , ja nicht einmal eine richtige Netzhaut ist vorhanden, die Bilderzeugung findet nach einem ganz anderen Prinzip statt. Betrachten wir vollends die Augen der Blutegel, so finden wir kaum mehr irgend eine Ähnlichkeit mit dem Wirbeltierauge. In der Zahl von 8 bis 10 sitzen sie am Vorderrande des Kopfes. Sie bestehen aus einer schwarzen Pigmentmasse, die becherförmig in die Haut eingesenkt ist und im Inneren eine Anzahl glasheller Kugeln enthält, zwischen denen etliche Nervenfasern frei endigen. Wir haben hier also ein Analogon allenfalls für den Glaskörper des Wirbeltierauges und eine Pigmentschicht, aber keine Linse, keine Hornhaut, Diaphragma, Muskeln, ja auch die Netzhaut fehlt völlig, da man die nicht zahlreichen frei auslaufenden Nervenfasern unmöglich eine Netzhaut nennen kann. Die Glaskörpermasse kann , selbst wenn sie , wie es vorkommt, kugelig vorquillt, kein oder wenigstens kein irgendwie scharfes Bild der umgebenden Objekte entwerfen. Entstünde aber auch ein solches, so fehlte doch die erste Bedingung für die Wahrnehmung des optischen Bildes, eine flächenhaft ausgebreitete Netzhaut mit einer Mosaik von Nervenendigungen.
Es ist mir nicht bekannt, dass irgend jemand die Berechtigung der Benennung „Augen" für die eben beschriebenen Sinnesorgane der Egel bestritten hat. Wollte man also von Sehen nur dann sprechen , wenn das betreffende Tier im stände ist , ein optisches Abbild der umgebenden Gegenstände zu percipieren, so ständen wir hier vor der eigentümlichen Tatsache, dass es Tiere mit Augen gäbe, die nicht sehen könnten. Das aber können wir allenfalls bei den Augen einer Hysterischen, also in einem pathologischen Falle, gelten lassen, nicht jedoch bei den Augen einer ganzen Tierklasse. Was hier für den Blutegel gesagt ist, gilt noch für eine Menge anderer niederer Tiere, auf deren einfache Augenformen ich hier nicht weiter eingehen will, um so mehr, als ich auf einzelne derselben unten in anderem Zusammenhange zurückzukommen haben werde. In Kürze sei dagegen hier angeführt, was man der vergleichenden Betrachtung der Augen in dem gesamten Tierreich entnehmen kann.
Die Augen sind Sinnesorgane, welche zumeist in kleiner Anzahl (öfters aber auch in grosser Zahl) vorhanden sind, gewöhnlich (aber keineswegs immer) am Kopfe sitzen, gewöhnlich (aber keineswegs immer) Pigment und eine stark lichtbrechende Substanz in verschiedener Form enthalten und stets von einem Nerven, dem Sehnerven versorgt werden. Das einzige, was stets wiederkehrt, ist, wie man sieht, der Sehnerv, der aber an und für sich durch nichts sich als Sehnerv verrät, da er sich von andern Nerven nicht unterscheidet. Nun treten allerdings die anderen soeben angeführten Bestandteile des Auges doch bei der grössten Mehrzahl aller Augen auf, so dass sie als nahezu regelmässige Bestandteile des Auges gelten können, so namentlich das Pigment (das nur den Albinos, also Missbildungen, fehlt) und der lichtbrechende Körper, der meines Wissens nur einem Teile der Molluskenaugen abgeht. Dass übrigens der lichtbrechende Apparat, entsprechend seiner mannigfaltigen Gestaltung, auch in den einzelnen Fällen sehr verschiedenartige Bedeutung besitzt und dass speziell das Vorhandensein eines solchen noch nicht die Befähigung zum Wahrnehmen von Formen bedeutet, davon wird unten noch zu sprechen sein.