Sehen ohne Augen / Seite 3
Wir unterbrechen hier zunächst einmal die theoretischen Erörterungen über die Bedingungen des Sehens, um einiges von den tatsächlichen Erscheinungen und Beobachtungen kennen zu lernen, welche überhaupt den Anlass zu der Frage gegeben haben, ob man bei augenlosen Tieren von einem „Sehen" , oder doch wenigstens von einem „Lichtsinne" sprechen dürfe.
Wenn man eine gewöhnliche Weinbergs- oder Gartenschnecke (Helix pomatia oder H. hortensis) einige Zeit völlig ungestört umherkriechen lässt, und dann plötzlich, natürlich unter Vermeidung jedes Geräusches oder Luftzuges, einen Schatten auf sie fallen lässt, so pflegt das Tier heftig zu erschrecken, was sich darin äussert, das alle vier Fühler plötzlich eingezogen werden und der Kopf ein wenig zurückzuckt. Ja, oft zieht sich das Tier mit einem Ruck und unter zischendem Geräusche fast ganz in seine Schale zurück. Hieran wäre nun zunächst noch nichts Auffallendes, da ich bisher angenommen habe, dass die Schnecke unverletzt sei, also noch ihre zwei Augen besitze, welche bekanntlich als kleine schwarze Pünktchen an der Spitze des längeren Fühlerpaares sitzen. Die Schnecke konnte einfach den schattenwerfenden Gegenstand gesehen haben, gesehen im vollen Sinne des Wortes, denn die Augen, mit Linse und wohlentwickelter Netzhaut versehen , erscheinen zur Wahrnehmung von Gegenständen, ja auch zur Erkennung der Form innerhalb gewisser Grenzen, recht wohl geeignet. Das Bemerkenswerte ist nun aber, dass die beschriebene höchst lebhafte und charakteristische Reaktion noch fast eben so deutlich und plötzlich eintritt, wenn man das Tier einige Zeit (Minuten, Stunden, oder Tage) vor dem Versuche seiner Augen beraubt hat. Dies kann man sehr leicht und ohne tiefergreifende Schädigung des Tieres durch Abschneiden der Fühlerenden mit samt den dort sitzenden Augen bewerkstelligen. Die Wunde schliesst sich sofort und vernarbt in kürzester Frist, das Tier lässt sich auch leicht veranlassen (am besten durch einen feinen lauen Sprühregen), wieder umherzukriechen.
Auch wenn man beide Fühlerpaare dicht über ihrer Basis abgeschnitten und dadurch die Schnecke ihrer wichtigsten Sinnesorgane beraubt hat, besitzt sie noch immer die Fähigkeit, den Helligkeitswechsel wahrzunehmen und darauf zu reagieren. Die Organe dieser Wahrnehmung sind also nicht, oder jedenfalls nicht allein die Augen, sondern die Haut des Körpers, bzw. die grosse Zahl darin verteilter Nervenendorgane (Flemmingsche Zellen), ist lichtempfindlich, oder, wie man in diesem Falle geneigt sein könnte zu sagen, schattenempfindlich. Ein anderes Beispiel: Die Auster besitzt, wie Untersuchungen noch aus den letzten Jahren gezeigt haben, nichts, was einem Auge auch nur von ferne ähnlich sieht. Hat sie ihre Schalen geöffnet, so tritt zwischen denselben der freie Rand jener als „Mantel" bezeichneten Membran hervor, welche die Schalen von innen auskleidet und dieselben auch durch ihre kalkhaltigen, erstarrenden Ausscheidungen gebildet hat. Dieser Mantelrand enthält in grosser Menge Nervenendgebilde, welche mit den vorerwähnten in der Schneckenhaut viel Ähnlichkeit haben Nirgends aber sind dieselben zu einem besonderen Sinnesorgane zusammengehäuft , auch von lichtbrechenden Körpern oder die Sinneszellen umschliessendem Pigmentmantel ist nichts zu bemerken. Das Tier hat also keine Augen, selbst wenn man die bescheidensten Ansprüche an solche machen wollte.
Gleichwohl reagiert auch die Auster in charakteristischer Weise auf den Wechsel von Licht und Schatten. Es ist nur notwendig, dass sie vorher mehrere Stunden absolut ungestört geblieben ist. Lässt man dann aber ganz vorsichtig den Schatten der Hand oder eines Buches auf den Behälter fallen, in dem sich die Austern befinden, so klappen mit einem Male sämtliche Austern ihre Schalen zu. Dies geschieht mit solcher Sicherheit und Präzision, dass an Zufall nicht zu denken ist.
Ganz ähnlich wie die Auster verhält sich übrigens unsere einheimische gewöhnliche Malermuschel (Unio pictorum), welche ebenfalls keine Augen besitzt und überhaupt ähnliche anatomische Verhältnisse hinsichtlich des Mantelrandes darbietet wie die Auster. Noch auffallender zeigt sich die Beschattungsreaktion bei manchen anderen ebenfalls augenlosen Muscheln, mit welchen ich in der zoologischen Station in Neapel zu experimentieren Gelegenheit hatte, z. B. bei verschiedenen Arten der Gattungen Cardium und Venus. Diese gehören zu den sogenannten siphoniaten Muscheln, bei denen der Mantel, der auch hier die Schalen von innen auskleidet, sich in zwei mehr oder weniger lange häutige Röhren, die sog. Siphonen, fortsetzt. Letztere sind wieder reich mit den schon erwähnten von Flemming entdeckten Nervenendorganen ausgestattet und sind in hohem Grade kontraktile und retraktile Gebilde. Trifft ein Schatten eine solche Muschel, die nach längerer ungestörter Ruhe ihre Siphonen entfaltet und ausgestreckt hat, so zucken dieselben blitzschnell, ihre Öffnung schliesst sich und die ganzen Siphonen werden stark verkürzt.
Gleichzeitig pflegt die Muschel ihre Schalen ganz oder teilweise zu schliessen , ja die Venusmuschel ist so empfindlich und furchtsam, dass sie oft, wenn ein Schatten auf sie fällt, durch eine Bewegung ihres im Sande vergrabenen muskulösen Fusses unter den Augen des Beobachters urplötzlich im Sande versinkt. Bei allen diesen Muscheln reicht zuweilen schon ein ganz leichter, kaum sichtbarer Schatten aus, um die Reaktion hervorzurufen. Wenn ich Herzmuscheln in einem grossen Glase auf meinem Arbeitstische vor mir stehen hatte und ganz ungestört liess, bemerkte ich einigemale, dass die Tiere sämtlich ihre Siphonen schlössen, sowie ein vor die Sonne tretendes Wölkchen die Helligkeit im Zimmer plötzlich verminderte. Von einer anderen Muschel, der Bohrmuschel (Pholas dactylus) berichtet R. Dubois, dass sie ihre Siphonen verkürzte, wenn er Tabaksrauch neben ihrem Behälter vorbeiblies, wodurch eine leichte Beschattung entstand. Die Fälle, von denen ich bis jetzt gesprochen habe, sind lauter solche, in welchen die plötzliche Beschattung, also Verminderung der Helligkeit, wirksam war. Aber die bisher angeführten Tiere, sowohl Schnecken wie Muscheln, reagieren auch auf plötzliche Zunahme der Helligkeit mitbestimmten Bewegungen, freilich in anderer Weise, als auf Beschattung. Die Bewegungen sind weit schwächer und weniger auffallend als die Beschattungsreaktionen, aber hinreichend, um zu beweisen, dass auch ein Lichtwechsel im Sinne der Zunahme der Helligkeit empfunden wird. Ich will hier die Verschiedenheit des Benehmens in den beiden Fällen nicht beschreiben, sondern statt dessen lieber über einige Beispiele berichten, wo augenlose Tiere besonders stark und deutlich auf Beleuchtung reagieren.